Von einem, der es wagte

Felix Benneckenstein (Mitte), Aussteiger aus der Nazi-Szene, referierte am Donnerstag für die achten Klassen.
Felix Benneckenstein, ehemaliger Nazi, war für die neunten Klassen zu Gast
Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem sich Felix Benneckenstein die Augen öffneten. Fast zehn Jahre war der heute 37-Jährige ein treuer Anhänger der NPD, war auf Nazi-Demonstrationen gegangen, hatte verschiedenen Gruppierungen angehört, die sich gegen Alles und jeden auflehnten, hatte bitterböse Parolen geschrieen gegen Ausländer und Andersdenkende, war dafür sogar im Gefängnis gelandet. Dann aber war dieses eine Erlebnis, dieser eine Abend. Von diesem Zeitpunkt an verstärkte sich bei Felix Benneckenstein das Gefühl: Da will ich nicht mehr dazugehören. Er, der unauffällige Junge aus dem oberbayerischen Dorfen, er hatte genug – und wagte den Ausstieg aus der Naziszene, aus dem rechten Milieu. Ein mutiger, ein gewagter Schritt. Am Donnerstag, dem Tag der Erinnerung an die Reichsprogromnacht ausgerechnet, erzählte Felix Benneckenstein den Achtklässlern am Maristen-Gymnasium von seiner Nazi-Vergangenheit. Vor allem aber von seinem Mut, das alles zurückzulassen. Und er diskutierte mit den MGF-Schülern; es waren nachdenkliche, aber auch viele kritische und wichtige Fragen der Jugendlichen. Dieser Donnerstag, er war wieder ein Beleg dafür, dass es lohnt – nicht nur für das MGF als "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" –, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, ja zum Alltag wird.
Begrüßt hatte den Gast aus München Schulleiter Christoph Müller. Und Müller stellte klar heraus, dass der Vortrag Benneckensteins an sich kein schöner Termin sei, wie man ihn ansonszem oft habe in der Mensa. "Vielmehr ist das heute aufrüttelnd", resümierte der Oberstudiendirektor. Genrell halte er jede Art von Extremismus für zuwider stellte Müller dabei heraus, nicht nur für junge Menschen, sondern Menschen jeden Alters. "Wir sind eine bunte Gesellschaft und sollten das auch leben."
Um den Schülerinnen und Schülern seine Lebensgeschichte zu zeigen, führte Felix Benneckenstein zunächst einen Ausschnitt aus einer Reportage vor. Zusammen mit einer Reporterin besucht Benneckenstein einige Jahre nach seinem Ausstieg aus der Naziszene die Stadt Dorfern, wo er nicht nur gelebt, sondern auch den Weg hinein in den Extremismus gefunden hatte. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen im beschaulichen Dorfen, kam bei Felix Benneckenstein dieser eine Punkt, an dem sich sein Leben radikal ändern sollte. Die Eltern zogen weiter nach Erding, wo es für Jugendliche zu der Zeit aber keinen Flecken gab: keinen wirklichen Platz, keine Möglichkeiten, Freunde zu treffen. Als Benneckenstein und seine Clique dann auch noch von einem örtlichen Polizisten von überall vertrieben wurde, fing es an mit dem Hass gegen Alles und Jeden. Überdies gab es Streit mit den Jugendlichen im Erdinger Jugendzentrum. Alles Dinge, so beschreibt es Benneckenstein heute, "die passieren können, aus denen man aber einfach die richtigen Schlüsse ziehen muss." Benneckenstein tat das nicht – und rutschte so immer tiefer rein in eine Welt der Frustration. Als er dann in seiner Clique auch noch in Kontakt mit rechter Rockmusik kam, fügte sich eines zum anderen. "Ich habe damals nicht gemerkt, dass diese rechte Musik voll von Propaganda ist." Während Teile seiner Clique bald doch noch den Absprung schafften, geriet er, der auf der Suche nach Halt und Orientierung war, immer tiefer hinein in die Welt der Nazis, ging zu seiner ersten Demonstration nach München. Er bekam rasch Aufgaben innerhalb der NPD, wurde integriert, spürte das Gefühl, verstanden zu werden. "Eigentlich hätte ich merken müssen, dass Minderheiten zu Mehrheiten gemacht wurden", berichtete Beneckenstein am Dienstag. "Spätestens, als ich die ganzen Waffen sah, hätte ich umdrehen müssen." Tat Benneckenstein aber nicht und wurde so fast zehn Jahre Mitglied einer irren Bewegung. Als Künstler "Flex" schrieb Benneckenstein irgendwann sogar rechtsradikale Musik, veröffentlichte CDs, trat auf. Mit dem allem wurde Benneckenstein in der Reportage konfrontiert, und man erkennt gut, wie erschrocken der junge Mann heute ist über sein junges Ich.
Doch irgendwann erfolgte eben die Kertwende. Felix hatte sich zwar schon länger mit Zweifeln an der rechten Szene geplagt, nie aber den letzten Schritt gewagt. Benneckenstein grübelte und grübelte und hinterfragte immer mehr. Er vertraute sich schließlich Heidrun, Tochter einer Nazi-Familie, an, seine heutige Frau. Gemeinsam begannen sie, sich von dieser falschen Ideologie zurückzuziehen. Früher sei er ein Holocaustleugner gewesen, gibt der Benneckenstein zu, habe sogar behauptet, in Auschwitz sei niemand vergast worden. "Heute schäme ich mich sehr für diese Aussage." Eines Abends in München geriet er dann aber an eine Gruppe von Nazis. Diese richtete ihn so übel zu, dass Benneckenstein beschloss, endlich ganz auszusteigen. "Ich sagte gegen die Haupttäter aus – damit war ich raus aus der Szene." Der Verein "Exit" half ihm dabei. Seitdem hat sich das Leben von Felix Benneckenstein radikal geändert. In manchen Gegenden in Deutschland kann er nur mit Personenschutz unterwegs sein, in Dortmund etwa. Doch Benneckenstein will sich nicht verstecken, will kein anonymes Leben führen. Er spricht viel über seinen Ausstieg, arbeitet für die deutschlandweite Organisation Exit, die Aussteiger aus der rechten Szene unterstützt. Und kommt deswegen auch an Schulen wie das Maristen-Gymnasium, um Jugendliche zu sensibilisieren für dieses wichtige Thema, ja auch, um zu warnen.
Unsereklässler zeigten sich sehr beeindruckt vom knapp einstündigen Vortrag Benneckensteins – und stellten deswegen auch viele Fragen. Wie er denn damals von den Nazis erreicht worden sein, wollte einer etwa wissen. Anfangs habe er die saufenden Dorfnazis sogar abgelehnt, gibt Benneckenstein zu. "Auf Partys kam dann aber irgendwann der Erstkontakt mit rechter Rockmusik." Eines fügte sich zum anderen. Wie groß die Nazi-Szene in Deutschland sei, wollte eine andere Schülerin wissen. Der Verfassungsschutz gehe aktuell von 30.000 Personen aus, rechnete Benneckenstein vor. "Doch die Szene wächst, und das ist das Problem." Einer, der dagegen den Ausstieg gewagt hatt, war am Donnerstagvormittag zu Gast bei uns am Maristen-Gymnasium und leistete damit einen wertvollen Beitrag zur Demokratieerziehung.
Vielen Dank an Carina Sieh, Fachschaftsleiterin, die den Besuch von Felix Benneckenstein organisiert hat.
sp
