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Unterricht in Finnland

Mira Report (2.v.r.) verbringt ein ereignisreiches Jahr in Helsinki.
Mira Report (2.v.r.) verbringt ein ereignisreiches Jahr in Helsinki.

Mira Repold erlebt ereignisreche Zeit rund um Helsinki

Immer wieder haben wir Schülerinnen und Schüler zu Gast am MGF – aus aller Welt. Sie besuchen meist ihre Further Gastschüler über mehrere Wochen. In einer losen Serie berichten sie hier über ihre Erlebnisse in Deutschland. Heute: Mira Repold aus Helsinki:

Seitdem ich meinen letzten Beitrag über das erste Monat meines Auslandsjahres geschrieben habe, sind mittlerweile schon fünf Monate vergangen, und nun werde ich meine Erfahrungen, die ich in diesem fast halben Jahr hier gemacht habe, mit euch teilen. Um von allen Ereignissen zu berichten, müsste ich womöglich ein ganzes Buch schreiben, deshalb werde ich versuchen, mich auf die wichtigsten Dinge zu reduzieren.  

Es gab keine große Veränderung, und dennoch, wenn ich jetzt fünf Monate zurückdenke, hat sich einiges geändert. Ich weiß noch, wie ich in meinem letzten Bericht davon geschrieben habe, dass ich schon wie ein Familienmitglied aufgenommen wurde, doch damals habe ich noch nicht gewusst, wie gut unser Verhältnis jetzt sein würde. Ich werde schon lange nicht mehr als Austauschschülerin vorgestellt, sondern als Schwester und wir haben ganz normale Streite, die es in jeder normalen Familie gibt.  
Auch ansonsten ist das Leben hier total normal. Meine Freunde kennen mich gefühlt genau so gut wie meine deutschen Freunde, ich denke und träume auf Englisch und schreibe deutschen Leuten plötzlich auf Englisch. Der Austauschschüler Bonus, der in der Schule und Familie alles etwas leichter gemacht hat, weil man ja die Sprache nicht spricht und in einem Jahr nicht mehr da ist, zählt nicht mehr und man wird als normaler Finne betrachtet, was natürlich super schön ist, auch wenn man sich jetzt nicht mehr auf dem Austauschschüler Dasein ausruhen kann.  
Die größte Veränderung ist wohl, dass ich Finnisch endlich einigermaßen verstehen und sprechen kann. Natürlich ist es noch lange nicht perfekt, aber ich würde sagen besser als mein Französisch, obwohl ich das 4 Jahre in der Schule gelernt habe und es viel leichter ist als Finnisch. Eine Sprache in dem Land zu lernen, in dem sie gesprochen wird, ist eindeutig der einfachste Weg und man kann auch Dialekt/Jugendsprache sprechen und Redewendungen und Ausdrücke verstehen, ohne stundenlang Vokabeln und Grammatik zu pauken. Dadurch, dass ich Französisch in der Schule habe, Englisch denke, mit Freunden spreche und in der Schule benutze, Finnisch mit meiner Familie und Leuten, die kein Englisch können spreche und ich natürlich auch des Öfteren mit meinen Freunden und meiner Familie in Deutschland schreibe oder telefoniere, ist mittlerweile ein totales Sprachenchaos in meinem Kopf entstanden, das manchmal viersprachige Sätze hervorbringt, ohne dass ich es überhaupt bemerke.  

In den letzten Monaten gab es natürlich auch super viele tolle Ereignisse, die sechs besten werde ich jetzt mal kurz erzählen: 

Mein erstes großes Highlight war ein Trip nach Helsinki mit einer sehr guten Freundin. Wir haben bei dem Bruder meiner Gastmutter und dessen Frau gelebt und die Stadt allein erkundet. Für uns beide war das der erste Städtetrip ohne Eltern, wodurch wir etwas planlos waren und auch mal in Espoo gelandet sind oder ganz aus Versehen wunderschöne Plätze entdeckt haben. Helsinki ist eine wirklich schöne Stadt und obwohl sie die größte Stadt Finnlands ist, noch immer gemütlich. Allerdings sind meiner Meinung nach Kopenhagen und auch Stockholm schöner als Helsinki. 

Im Dezember haben wir vier Tage in einer Holzhütte im verschneiten Wald in Lappland verbracht. Am ersten Tag haben wir die wunderschöne Natur Lapplands genossen, indem wir einen langen Langlauftrip unternommen haben und wir sogar das Glück hatten, neben einer Rentierherde zu fahren. Außerdem waren wir Snowboarden/Skifahren bei -18 °C (was ich damals als super kalt empfunden habe, da ich nicht wusste, dass ich drei Wochen später bei -25°C in die Schule gehen würde).  Auch den finnischen Unabhängigkeitstag am 6. Dezember haben wir dort „gefeiert“. In Finnland ist es Tradition, dass „linnan juhla“ im Fernsehen kommt, was bedeutet, dass man sich 2 Stunden lang anschaut wie der Präsident und seine Frau die Hände von irgendwelchen Prominenten schütteln und man sich über die Kleider der Leute unterhält.  Außerdem gab es Rentierfleisch und andere Spezialitäten aus Lappland. Der Trip war wirklich wunderschön und ich kann bestätigen, dass Lappland mindestens genau so schön ist, wie auf all den Bildern, auch wenn wir leider nicht die Chance hatten Nordlichter zu sehen. 

Nach dieser Reise kam Weihnachten immer näher, die Zeit im Jahr, die fast jeder Austauschschüler fürchtet und zugleich kaum erwarten kann. Zum einen ist die Vorstellung, dieses Fest mit den Traditionen einer anderen Familie und sogar eines anderen Landes zu verbringen großartig, doch zum anderen ist das nun mal ein Familienfest und deshalb bei vielen mit Heimweh verbunden, was bei mir zum Glück nicht passiert ist. Das lag möglicherweise daran, dass bei den Finnen das Fest nicht so groß gefeiert wird. Dafür ist die Vorweihnachtszeit, die Ende Oktober beginnt, sehr wichtig in Finnland. Plötzlich hört man nur noch Weihnachtsmusik, sieht in jedem Garten unzählige Lichterketten, die die Dunkelheit wenigsten ein bisschen besser ertragbar machen und man wird zu sogenannten „pikku joulu“ eingeladen (das sind kleine Weihnachtsfeiern). An Weihnachten selber sind wir dank meiner Geschwister viel zu früh aufgestanden, haben Milchreis gegessen und sind danach zum Schlittenfahren gegangen. Dann wurde eine traditionelle Weihnachtsserie angeschaut und in die Sauna gegangen. Danach gabs Weihnachtsdinner, was wirklich gewaltig war. Später kam dann letztendlich noch Santa Claus und hat die Geschenke gebracht. Der Abend wurde dann mit einem Spieleabend beendet und wir schliefen alle neben dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Das wars dann auch schon mit Weihnachten, denn in Finnland wird nicht mit Verwandten gefeiert, was das Fest sehr klein und gemütlich macht. 

Das nächste, noch sehr gut in Erinnerung gebliebene Ereignis war „avantouinti“, was Eisschwimmen bedeutet. Bei -10°C haben wir uns also auf den Weg zum zugefrorenen See gemacht. Dort gab es ein Loch im Eis, in das wir reingesprungen und für ca. eine Minute bisschen rumgeschwommen sind, während wir versucht haben zu atmen, was bei der Kälte unglaublich schwer ist. Normalerweise geht’s danach in die Sauna, doch die war an diesem Tag nicht offen. 

Im Januar war das nächste große Ereignis, auf das wir schon seit Oktober hingearbeitet haben. Unser Musical. Als ich das erste Mal in den Musical Kurs kam hatte ich noch keine Ahnung was auf mich zukommen wird. Wir waren 20 Schüler und ein Lehrer, der irgendwelche Spiele mit uns gemacht hat die unserer Meinung nach nichts mit einem Musical zu tun hatten, doch letztendlich hatten wir nach ca. 2 Wochen ein Thema und eine Geschichte. Die eine Hälfte hat dann angefangen die Musik zu schreiben und die andere hat sich auf das Skript konzentriert. Nach 2 Monaten hatten wir dann wirklich ein Musical und es wurde angefangen zu proben. Im Januar hatten wir dann unsere Auftritte und es war trotz einiger kleiner (oder größeren) Fehlern super toll. Durch 4 Monate gemeinsame Arbeit und den ein oder anderen Auseinandersetzungen wurden wir zu einer super Gruppe und im April wird unser Musical sogar in einem Wettbewerb teilnehmen. 

Das letzte Highlight war „Wanhojen tanssi“. Das ist ein Tanz, mit dem die Leute aus dem zweiten Jahr feiern, dass sie jetzt die Ältesten sind, nachdem die Abiturienten verabschiedet wurden. Wir haben Mitte November angefangen zu proben, als das Ganze noch ein totales Chaos war. Stattgefunden hat der Tanz am 15. Februar und wir haben drei Mal getanzt für ein jeweils anderes Publikum. Es war super schön und dieser Ball ist keineswegs mit unseren Abschlussbällen zu vergleichen. Wenn es euch interessiert, könnt ihr euch den Tanz unter diesem Link anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=hgs2ryG6KFg 

 Jetzt habe ich noch drei Monate bis ich wieder nach Hause fliege und im Moment weiß ich nicht ob ich glücklich oder traurig sein soll. Auf jeden Fall sind noch viele Trips, wie zum Beispiel nach Helsinki, Tampere und Estland geplant und viele andere Sachen, die ich noch mit meinen Freunden erleben will, bis ich mich dann von meinem Leben hier verabschieden muss. 

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